Fahrtenbuch ohne Ruhezeiten

 

Fahrtenbuch ohne Ruhezeiten
ein Versuch.
für Helmut Staubach

„Gequirlte Hühnerkacke…“
…rauntest du mir ins Ohr, mit dieser eindrucksvollen Stimme, aus der neben dem sonoren Brummen immer auch eine gewisse Ungeduld und Strenge sprach, ein leichtes Unterfordertsein und aus früher Übung als Kathole selbst auferlegte Demut vor der Vergeblichkeit allen Seins…
„Gequirlte Hühnerkacke…“
Anlass war ein wunderbarer, von zahlreichen absurden Momenten begleiteter Ausflug des Vorstands der Mart Stam Gesellschaft. Dieser Vorstand des Freundeskreises der weißensee kunsthochschule berlin fuhr 2013 nach Basel und zum Vitra Museum nach Wheil am Rhein. Ich hatte die Ehre, dabei sein zu dürfen. Und dann standen wir an Tag zwei auf dem Vitra-Museumsgelände vor dem von Zaha Hadid entworfenen Feuerwehrgebäude. Das bahnbrechende Erstlingswerk der Stararchitektin wurde erläutert und gepriesen und eine Kollegin der weißensee kunsthochschule berlin arbeitete sich ins Delirium: „Hier wäre ich zu gern Feuerwehrmann!“ (Sie sagte nicht: „Feuerwehrfrau“!…
Das fiel mir auf. )
(Als Perfomerin sah ich sofort eine Inszenierung vor mir unter dem Titel: ALARM! Für einen Fotografen der VOGUE spielen verruchte Models und gepuderte Professorinnen mit gut gebauten Feuerwehrleuten: Einsatz! Hier ist die perfekte Kulisse.)
Zur Fertigstellung des als „unbaubar“ geltenden Werks sagte Rolf Fehlbaum als Förderer und Befürworter: „Als das Gebäude endlich fertig war, war uns klar, dass wir etwas Wichtiges erschaffen hatten. Das Feuerwehrhaus ermöglichte ganz neue Raumeindrücke.“
Das Gebäude ist zweifelsfrei architektonische Weltklasse. Irgendwo im Nirgendwo für die nach dem Großbrand 1981 installierte Vitra-Betriebsfeuerwehr gebaut. Das sehr kühn winklige, vor allem aber auch in den inneren Funktionsräumen schwindelerregende Sichtbetongebäude ist eine wunderbare Interpretation von Feuerschutz. Ein Meilenstein, kaum fertiggestellt, schon anspruchsvolle Projektionsfläche für Bildungsbürger aus aller Welt.
Schräge Wände, damit man die Dynamik spürt, die zum Rettungseinsatz gehört.
Als Skulptur und Kommentar zum Zustand des ALARMS phantastisch. Die Frage ist:
Geht es darum, den handelnden Personen – in diesem Fall Feuerwehrleuten – ihren Einsatz so gut wie möglich zu gestalten? Ist Design/Architektur das Finetuning für die Nutzung?
Oder will der Autor, die Autorin sich unsterblich machen und durch den Bau die intendierte Nutzung aushebeln, ihn als Symbol seiner Nutzung thematisieren? Nimmt man die Architektur, das Design zur Durchsetzung des Archtiekten/Designer-Egos in Geiselhaft? Gern lasse ich mich eines Besseren belehren, aber: „Ganz neue Raumeindrücke“ waren nach meiner Beobachtung bei der Löschung eines Brandes noch nie eine angemessene Kategorie. Steil lyrisch formulierende Philosophen dürfen so fabulieren… abgründig. Nietzsche oder Cioran. Architektur als Skulptur. Sichtbeton für alle. Zaha war hier…
oder:
um es mit Helmut zu sagen:
„Gequirlte Hühnerkacke“.

Helmut, dein Design, deine Fahrzeuge, Möbel und Stühle… sind sehr vieles, eines nicht: „wichtig“. Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber: Sie machen sich nicht wichtig. Neue Raumeindrücke ermöglichen sie auch. Ja. Man kann Raum und Zeit durch dein Design erfahren, auch im Wortsinn. Und zwar so, daß man nicht mal merkt, wenn man auf dem Auslöser dieser Offenbarung gerade sitzt oder seinen Mantel dran gehängt hat. Es sind Hilfsmittel und dienen als solche durch Klarheit und Einsicht in die Bedürftigkeit der Kreatur. Der „Wurm“ Mensch, der sich durch den Berufsverkehr quält um dann anzukommen und erneut im Doppelknick von Knie und Becken… zu sitzen! Die „Hochzeit“ ist im Fahrzeugbau bekanntermaßen das Zusammenfügen von Karosserie und Motorblock. In Formaten von Verwaltung und Selbstverwaltung – akademischer Selbstverwaltung z.B. – ist es die Vemählung von, versuchen wir es vornehm… Gesäß und Stuhl.
Wie, Helmut, nebenbei gefragt, hast du diese Sitzungen in der weißensee kunsthochschule ertragen? Du hast Kämpfe ausgefochten und mir manches erzählt. Nicht sehr viel. Und jetzt sitzt du woanders… Ruhst?
Nein, gewiss nicht:
Fahrtenbuch ohne Ruhezeiten.

„Gequirlte Hühnerkacke.“

Du konntest bretthart sein. Unerbittlich. Du konntest dein Sitzungsgesicht aufsetzen und streng werden. Aber niemals anstrengend. Vor allem aber: Niemals ungenau. Du hattest Flausen im Kopf wie ein Teenager und wir haben uns gründlich gestritten. Du hast aber deine Autorität nie aus deinem Professorentitel oder anderem Plunder der Egozentrik geholt, nie aus der Wichtigkeit deiner Person. Du warst ein Mensch, der um seine Fehlschläge wußte und daraus größere, präzisere Kunst gemacht hat als viele der sogenannten „freien“ Künstler.

Deine andächtige Liebe zu China. Du hast mir immer die Fotos geschickt. Die Grazie und Anmut der sehr einfachen Menschen beim Tai Chi oder beim Tanz auf der Straße zu Musik aus den plärrenden Lautsprechern. Du hast dort geatmet und auch aufgeatmet. Wenn man den Dunst in den chinesischen Metropolen kennt und deinen Zigarettenkonsum, dann ahnt man, daß dieses Aufatmen andere als physische Gründe hatte. Mit Sicherheit waren die Verhandlungen mit chinesischen Firmen kein Spaziergang. Ich kann nur spekulieren. Darüber haben wir nicht geredet.

Helmut, du hast Menschen und Dinge beobachtet und Alltäglichkeit, Notdurft in Schönheit übersetzt. Ganz direkt. Für genau diese notdürftigen Menschen. Sehr bescheiden und in der Bescheidenheit erkennbar mächtig.
Mit dem Begriff „Künstlerische Forschung“ konnte man dich jagen. Kunst, Design sind beobachtungs- und erfahrungsbasierte Felder. Damit ist und bleibt man einsam.
Unter Forschung versteht man, hastig geklaubt aus Wikipedia: „…im Gegensatz zum zufälligen Entdecken die systematische Suche nach neuen Erkenntnissen“ … etc.
Hier ist ein interessanter Punkt. Wenn ich mich auf diese Definition einlasse, wird der Zufall zum Unfall. Wieviel Unfälle und Zufälle zu bahnbrechenden auch naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geführt haben… Dahingestelt.
Aber: die methodische Unterschiedlichkeit von erfahrungsbasierter Kreation, die sich durch den Autor äußert und an der Publikumsresonanz beweist und wissenschaftlicher Erkenntnis, die doch durch, hoffen wir mal, Messbarkeit und eindeutige Wiederholbarkeit erzielt wird, sollte man nicht durcheinanderbringen. Dergestaltige Begriffsverwirrung ist ein Etikettenschwindel, der Leuten dient, die von der reellen Arbeit und Leidenschaft von echten Wissenschaftlern und echten Künstlern profitieren und das beste zweier Welten vereinnahmen wollen, ohne sich die Mühe zu machen, das eine oder andere wirklich zu verstehen. Und damit die ernsthaften Leistungen verschlucken, verdauen und…
„Gequirlte Hühnerkacke…

Fahrtenbuch
ohne Ruhezeiten

China.
2003 war Familie Gabriel in Beijing, eingeladen zu einem Ausstellungsprojekt. Wir performten mit Mao-Anzügen, vor Ort geschneidert… Wandel durch Annäherung ist der Titel der daraus entstandenen Fotostrecke. Denkwürdig war aber vor allem der Abend, als beide Kinder (2 und 5 Jahre alt) in der Gästewohnung, wo wir untergebracht waren in zwei Zimmern mit je einem Fernseher auf den Betten hopsten, während auf jedem Fernsehgerät eine Pekingoper übertragen wurde. Allerdings je eine andere. Für abendländische Ohren ist schon eine dieser Darbietungen eine Herausforderung! Hier gab es zwei von Schwebetönen und Glissandi und wackelndem Kopfputz über stark geschminkten Gesichtern konkurriende Werke. Und glückliche Kinder mit Bewegungsdrang im Mao-Look…
Ich hatte das Gefühl, mein Gehirn würde sich schlagartig und vollständig entladen, wie nach einer Überspannung.
Später am Abend, nachdem beide Opern bis zum letzten Ton durchhopst und die Kinder wie nach einer erfolgreichen Schlacht selig im Bett waren, verfolgte ich eine – natürlich nicht live – aber als live-Übertragung gelabelte Videokonferenz zwischen Delegationen einer chinesischen und einer us-amerikanischen Universität. Ein „Battle“! Sportlich, mit leicht aggressivem Unterton hockten Direktoren und Professoren beider Seiten hinter Konferenztischen in ihrer jeweiligen Bildungsanstalt, in jeweils ihrem Land. Es war zu spüren, wie sich hier Weltmächte beäugen. Schon 1992, als ich den Vorsatz verfolgte in Los Angeles zu bleiben, war der Rat: „Wenn du ein festes Visum willst: lern chinesisch!“
In der Diskussion ging es um Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und langen Atem. Ein Muskelspiel der besonderen Art…
Die Amerikaner gaben sich sehr überlegen mit einer gewissen Lakonie, spielten die lässigen Cowboys mit immer einem Fuß auf dem Mond. Die Chinesen steif mit Pokerface, aus dem sich eine gewisse Verachtung nicht wegleugnen ließ. Wenn da Humor war… dann ein sehr anderer…bis, ja bis zu einem gewissen – sehr späten – Moment. Ein chinesischer Professor holte umständlich eine kleine Vase aus seiner unscheinbaren Tasche und fragte den amerikanischen Kollegen, das Ding in der Hand drehend: „What do you think, how old is this…?“
Wenig beeindruckt kam die Antwort aus dem mittleren Westen: „Hm, probably 600 years?“
Das war der Moment der Chinesen: „6000 years…!“
Nach kurzer Sprachlosigkeit in Middle West die Empfehlung:
„Don’t drop it.“

Helmut.
Wir haben uns oft über Dinge unterhalten, die anderen klein und unbedeutend erscheinen mögen. Die Unmöglichkeit halbwegs ordentliches Brot im Haushaltsofen zu backen z.B. Meine nach langen Testreihen und unter Anwendung einer Vielzahl von Tricks doch brauchbaren Ergebnisse, konntest du schon nicht mehr probieren. Oder das ebenfalls diesem Themenkreis zuzuordnende Gerät des Hudels… dem an einen Stock gebundenen Putzlumpen, mit dem man nach dem Backen Mehl- und Staubreste aus dem Ofen wischt und gleichzeitig die Steine anfeuchtet. Der Hudel ist auch namengebend für eine Umgangsweise bei der Arbeit, die du tödlich verachtetest: das Hudeln, die Huddelei, die Schludrigkeit, Nachlässigkeit, Ungenauigkeit und Denkfaulheit, häufig gepaart mit hochfahrender Anmaßung und Wichtigtuerei, die uns beiden gleichermaßen als Plage und Qual zuwider waren und sind…
Und einmal kamst du zu einer von mir eingeladenen Gästerunde und brachtest als Gastgeschenk dieses kleine Bambusding…
verbunden mit der Frage, um was für einen Gegenstand es sich dabei handele…
Mit der Verortung in der Küche lag ich richtig. Weiter jedoch kam ich nicht…
Eine Spülbürste! Da muss man drauf kommen! Vor allem aber ist es ein wunderschönes einfaches Ding, das bei mir seither einen Ehrenplatz hat, gleich neben einer verwandt graziösen Küchenreibe aus Bambus und aufgestanztem Dosenblech, die ich 1995 aus China mitbrachte.
Tja. Kratzbürsten und Huddelqual, grüner Tee und kleine Vasen…

Helmut…
Whereever you are: Don’t drop it.

Else Gabriel, Berlin, 21.06.2017

 

http://www.buero-staubach.de/index.php?id=133

 

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