„Schalalalala …“

250 Jahre Hochschule für bildende Künste Dresden, 2014
Festrede

Liebe Kunst, ach du liebe Zeit, Judgement Day oder, um einen Vorredner zu zitieren: „Schalalalala …“

 

Einige sehr lose zusammenhängende fadenscheinige Fetzen zu Zeit und Raum, eigen und fremd, Barock bis bretthart und keinesfalls in der Beweisführung belastbar. Also so wie die Kunst.
Etwas Fragiles und Beunruhigendes, vielleicht wie die bebende Feder auf dem Hut einer unter hysterischem Schub vorgeführten Dame bei einem der legendär theatralischen Versuche unter Jean-Martin Charcot in der Salpêtrière in Paris, mithin auf eine etwas bedenkliche Art sogar erotisch…

Mit Dresden ist noch mehr als eine Rechnung offen.

Eine neblige Nacht im Spätherbst. 1985. Dresden Neustadt. Martin-Luther-Platz, Ecke Pulsnitzer. Vor einem leeren Laden, nunmehr Wohnung und Atelier. Nicht meines… Davor allerdings mein Fotokram… Stativ, Kamera, aus 50cm Höhe nach unten gerichtet aufs Trottoir.
Das fahle Licht der Straßenlaternen. Langzeitbelichtung, Schwarzschildeffekt …
Fotografiert werden sollten Schatten und ein Spielzeugblechkoffer aus dem Westen … mit dem Aufdruck „One way – speed limit“. Warum?
Ein Abschnittsbevollmächtigter zieht seine Bahn. Wachsam zum Schutz der Bevölkerung vor sich selbst. Wird aufmerksam. „Bürgerin… Was machen mern hier?“ Der Uniformierte von den Organen späht nach vorn, die Straße hinab und wird nicht recht schlau. „Na, Fotos?“ „Die Papiere bitte …“. „Oh, wartense mal … dazu muss ich aber rüber.“ Dem Sicherheitsorgan schwant übles. Es dräut Fluchtgefahr durch ein verdächtiges Element. „Ich wohne gleich auf der anderen Seite hier vom Platz und habe meinen Personalausweis in der Wohnung. Passen Sie doch bitte solange auf, dass keiner die Kamera klaut?“ Nun vollends verunsichert, bleibt er brav, Hände auf dem Rücken knetend und wartet, bis „der PA“ beigebracht werden kann. In der Zwischenzeit wurde von Hanne Wandtke, wohnhaft, soweit ließ sich der Sachverhalt überprüfen, Pulsnitzer Straße 1, gehörend zu beschriebenem Laden, wie sich aus deren Papieren schlüssig herleiten ließ, heißer Tee angeboten, was der Schützer des Arbeiter- und Bauernstaats ablehnt. Nach Beibringung der Papiere durch die angehende Künstlerin, weiterer Prüfung der Situation durch eingeübten Blick nach vorn, nach hinten und auf die beiden Damen + Kamera, trollt sich der Beamte mit einem gemurmelten „Na, machense …“ und widmet sich einfacher zu sondierenden Vorkommnissen…

Sprung, unvermittelt …
Eine vorlaute Katze 2014.
Vor nicht einmal einem Jahr war sie das Nichts einer Dose Katzenfutter und ein winziges Ei. Jetzt allerdings ist da hoch organisierte Materie, nerv- und spatzentötend, Krallen, Fell, Muskeln … Der rätselhaft bis heute nicht gänzlich geklärte Vorgang des Schnurrens.

Was ist Zeit?

Ein lauer Abend. Vielleicht Mai? Welches Jahr? Auch so. 80er. In der Dresdner Galerie Nord gibt es eine lockende, weil vermutlich von zügellos unsozialistischem Künstlervolk besuchte Ausstellungseröffnung. Da will ich hin. Irgendwie zurechtmachen am Lutherplatz 8.
An der Ecke zur Luther-, Böhmische Straße, gegenüber vom Schnapsladen muss man immer aufpassen. Die Wohnung mit dem schönsten Balkon und dem schönsten Blick auf Straße und Platz bewohnt eine in der dritten Generation blinde Familie, die es sich nicht nehmen lässt, den Balkon mit roten Geranien zu bepflanzen. Diese werden der besonderen Begabung entsprechend nicht immer ganz zielgenau begossen, so dass man mitunter in den Genuss einer ungewollt gut gedüngten Dusche kommt …
Die Bautzener runter, bleibe ich hängen an einem Antiquariat. Im Schaufenster steht aufgebahrt wie das Foto eines Verstorbenen der Katalog „On Kawara continuity / discontinuity 1963–1979“. Merkwürdig. Aus dem Westen. Prominent präsentiert. Ich kaufe das Buch. Gehe zurück in meine schimmlige Hinterhauswohnung, gucke mir an, wie der japanische Konzeptualist Bilder in unterschiedlichen Größen je nach persönlicher Bedeutung für ihn vom Datum bestimmter Tage malt.
Ich lese den Essay von Peter Nilson: „Ein Labyrinth, in dem wir alle verloren sind … einige Gedanken über Zeit und Universum“. Ein Text, der mich begleitet und beeindruckt … Es geht unter anderem um Augustinus, den großen und soweit ich weiß ersten Mystiker des Christentums.
Der Katalog ist mir später verloren gegangen. Dann, nachdem ich Jahre danach gefahndet hatte, gab es ihn plötzlich wieder erschwinglich. Wann? Als ich beginne, diesen Text zu schreiben.
Nach der ersten Lektüre, 1985 oder so, mache ich mich dennoch wieder auf zu besagter Eröffnung … Dann bin ich vor Ort, sehe die Feiergemeinde hinter von innen schon dunstig zugeatmeten Scheiben … Ich sollte hineingehen. Mich packt Widerwillen und ich beschließe, einen Spaziergang zu machen, mit dem Ziel, später doch noch Kunst anzugucken bzw. mich den Blicken der Anwesenden zu stellen. Ich stapfe herum, gehe in einen der verlotterten Hauseingänge. Im Hinterhof ein Haufen Schutt. Obenauf Glastäfelchen, teils zerbrochen. Lottozahlen. Entsorgt vom Kiosk vorn. Offensichtlich. Warum macht mich das plötzlich fiebrig? Vor dem Hintergrund des Essays und den Leuten in der Galerie? Ich packe ein, was ich kriegen kann und fahre wieder heim.
Diese Zahlen haben mich völlig irritiert. Nicht mal mehr auf den Zufall ist Verlass. Eine abgründige Verzweiflung packt mich.
Wer bin ich? Wer hat mein Leben zusammen gewürfelt. Warum jetzt? warum hier?

Was ist Zeit?
Lebenszeit.
Oder? Wie könnte ich mehr wissen als Augustinus.
Bin ich heute noch, wer ich war als ich in Dresden studierte und einen Text las über Zeit und Lottozahlen auf Glastäfelchen in meine Wohnung schleppte, ohne eine Idee zu haben, was ich damit anstellen soll?

Dann sehe ich mich plötzlich wieder eines Morgens auf der Louisenstraße der Dresdner Neustadt mit einem Bier und einer Eiswaffel und beobachte wie durch ein Wurmloch dieses Paralleluniversum, in dem der Fachverkäufer vom Kiosk stoisch über die fünf Jahre seine mit Schlemmkreide bepinselte schräge Tafel auf den Bürgersteig stellt:
„Heute im Angebot: Kokosfett.“
Kontemplation im Augustinischen Sinne… und : eine besondere Sorte minimalistischer Kunst.
Die DDR-Variante in großer Wahrhaftigkeit.
Und ein Versprechen. Ja, es gibt da draußen eine Welt mit Kokospalmen!
Und: Ja. Wir pressen sie euch in genormte Würfel. Damit könnt ihr eure Eier braten und „kalten Hund“ machen. Keks, Kakao und Kokosfett. Dazu einen Halb und Halb der volkseigenen Firma Schilkin. Oder Kali. Prost. Auf den „Neuen Menschen!“

Die große Liebe
Darf ich sagen „Du fehlst mir“?
Oder fehle ich? Also, mach ich einen fahrlässigen Fehler? Weil ich mich auf etwas anderes, auf jemand anderen berufe? Also etwas da draußen? Darf ich die Palme und die Kokosnuss wollen statt des weißen in Stanniol gehüllten kalten Würfels?
Darf ich lieben? Also das in einem geregelten demokratischen oder undemokratischen Regime beunruhigendste tun? Also mit Mitmenschen, vielleicht auch einem Kunstwerk oder meiner leidenschaftlichen Hingabe an eine Tätigkeit eine unberechenbare unzurechnungsfähige und gesellschaftlich nicht kollektivierbare Allianz bilden? Ist Kunst ein Grundnahrungsmittel? Oder muss ich daran vielleicht zugrunde gehen? Habe ich ein Recht daran zugrunde gehen zu dürfen statt mich über staatliche Versorgungssysteme alimentieren zu lassen (zu denen auch zugegebenermaßen die der Hochschullehre gehören) …

Atmen, Fressen, Scheißen, Sterben.
Klingt das barock? Barock genug? Oder ist das schon zu viel?
Vielleicht sogar zu viel Dresden, jedenfalls meines, wo immer Weihnachten ist.
Striezelmarkt forever?
August der Starke, statt Augustinus im Wüstensand? Oder grüßt der dumme August mit der roten Knollennase? Der verpeilte Rotclown und Gegenspieler zum moralin bitter-süßen Weißclown … Keine Ahnung.
Elbschlinge und Tal der Ahnungslosen. Vielleicht der glücklichen Ahnungslosen? Vielleicht noch immer? Damals jedenfalls fühlte ich mich dort wie ein verklemmter Darmwind im dunklen Untergeschoss mit seinem verschlungenen Gekröse. Der Darm, das zweite Hirn. Wer jemals einen Verdauungskatarrh und ein langwierig besetztes mit Mitmietern geteiltes Außenklo gleichzeitig erleben musste, weiß von wahrer Pein.

Die alten Lottozahlen sind längst im Müll.
Nicht die Zeit vergeht, wir vergehen in der Zeit.

Die Gedanken verschwinden in der Zeit. Eben noch hatte ich sie. Dann sind sie verschollen.
Sie verschellen. Wie der Klang einer Glocke. Oder das Gedröhne meines Sohnes am Klavier, der sich die Seele aus dem Leib hämmert („Pirates of the Caribean“! Die Palme lässt grüßen … und man darf raten, wer schon oben sitzt.) wenn er aus der Schule kommt.
Schule. Das klingt doch schon schlimm. Hochschule. Das klingt noch schlimmer. Und will nicht verschellen. Kunsthochschule klingt, als wüsste irgendwer was Kunst ist.
Heute im Angebot: Kokosfett.
Wenn wir klug sind, wissen wir nie, was das ist – die Nuss, die Kunst. Immer wieder anders.
Biomasse, Erbmasse, Verhandlungsmasse.

Aber: das Kokosfett holt uns ein.
Eben noch grünes Gewölbe und jetzt die grüne Hölle einer verordneten Nachhaltigkeit in Zeiten neuer Verbalordnungen, Verballhornungen und politisch korrekt zergendertem Neusprech.

Schweres Gerät.

Ich hab mir den Katalog nach langem und zunächst erfolglosen Suchen im Internet … dem zeitlosesten und zugleich zeitgeistigsten, weil körperlosen Raum bestellt.
Und empfinde plötzlich erneut Widerwillen. Was ist das?

Dieses kontrollierte Aufmalen eines jeweiligen Tagesdatums durch den strengen Japaner, von dem ich doch vor fast 30 Jahren so vollständig fasziniert und beeindruckt war! Plötzlich ist da dieser Ärger auf diese ganzen Konzepte und Konzeptkünstler, die mir 2014 merkwürdig altbacken erscheinen und bemüht, wie eine Bremsspur in den verschissenen Unterhosen des von Diktaturen und im Namen der Verheißung einer jeweils schöneren Welt mit schöneren und glücklicheren Menschen begangenen Schwerstverbrechen dominierten 20sten Jahrhunderts …
Mir scheint da ein Zusammenhang zwischen beidem auf. Eine seltsame Verbindung zwischen der einen und anderen gesellschaftlich wie künstlerisch, auf jeden Fall aber weltlichen (!) Rechtgläubigkeit.
Diesen Gedanken zu vertiefen ist jetzt weder die Zeit noch der Anlass …
Nur beobachte ich seit einigen Jahren eine unheilige Allianz …
Die ins minimalpoetische und damit gedanklich wie formell äußerst effektiv unaufwendige und mit tagesaktuellen Theorien unterfütterte Konzeptkunst wird plötzlich erstaunlich ergänzt durch zahllose „Projekte“. Gern nennt man es „partizipativ“. Ich nenne es Pippi-Langstrumpfisierung des Kulturbetriebs. In der Villa Kunterbunt reparieren Künstler Fahrräder mit syrischen Flüchtlingen. Oder man zerrt Mühselige und Beladene beliebigen Härtegrades aus ihren Verwahranstalten und zeigt in einem Akt mentalen Ablasshandels, dass es dieselben gibt und man sich durch symbolische und performative Aktionen der näheren Beschäftigung mit ihnen entledigt. Es nennt sich „Kunst“, und so schon qua Existenz die der wertvolleren Art, weil moralisch unantastbar.

Zeit? Zeitgeistigkeit? Zeitgemäß? Zeitgenossen …
Umtriebiger Ballast …

Ich kann nun nicht mal mehr den wirklich bemerkenswerten Essay ganz lesen …
Was tu ich? Ich reiße die hinteren Seiten mit dem Text kurzerhand heraus, schmeiße den Rest noch in Berlin weg, nehme den Essay mit nach Südindien (Fotoworkshop mit indischen Künstlern) Sitze mit einer Lesehilfe, 1,5 Dioptrien (3,99 € bei der Drogeriekette Rossmann) da und werfe dann den Text unter dem Applaus ebenso irritierter wie belustigter Kellner in die zwanzig Zentimeter tiefe Wasserattraktion des Rooftop der Residency Towers Hotelgruppe in Chennai am Golf von Bengalen.

So …
Ich sitze also auf diesem Dach in Indien.
Aus einem mir unbekannten Grund riechen meine Papiertaschentücher nach Waldmeister.
Aus Deutschland mitgebrachte Taschentücher, vor ein paar Tagen olfaktorisch noch völlig unauffällig …
Unten auf der Straße wird das Gehupe leiser.
Wahrscheinlich stirbt gerade einer dieser hübschen aber versehrten Straßenhunde. Wohl auch irgendwo ein Mensch.
Ich habe Zugang zum Internet.
An der Wand huscht ein Gecko.
Ich kann von diesem Dach aus, am anderen Ende der Welt mein damaliges Haus am Lutherplatz von oben und seitlich aufrufen.
Dazu braucht es drei Clicks. Die Stasi brauchte noch formelle und informelle Mitarbeiter und einen Bauwagen mit einem Loch in der Hintertür, durch welches man fotografierte, wenn ich mit meinem damaligen Westliebhaber auf den Luther-Platz hinauskam.
Man fotografierte auch über ein Mäuerchen vom Nebengrundstück, man war in meiner Wohnung … All das weiß man.
All das hat im Vergleich zum heutigen Streetview und den technischen Möglichkeiten der verschiedenen Spähinstitute eine geradezu rührende Anmutung. So wie Omis Häkeltopflappen zum Manövrieren einer heißen Weihnachtsgans im Vergleich zu den Pipetten und High-tech-Anlagen zur Erzeugung von stickstoffgekühlten Schaumgebilden heutiger Molekularküche.
Allerdings hatte diese widerliche Körperlichkeit, Willkür und Dummheit in der DDR Auswirkungen bis in die engsten Beziehungsgeflechte, die den heutigen aseptischen Methoden in ihrer abenteuerlichen Potenziertheit abgehen.
Ich will nichts davon wiederhaben und entdecke doch eine erstaunliche Zähigkeit und Haltbarkeit auf den Fluren, vor allem den Verwaltungsfluren, gern auch denen gewisser Bildungsanstalten …

Ach ja, der August.

Die 8.
Flachgelegt haben wir sie als Zeichen für die Unendlichkeit.
August. Der Sichel- oder Erntemonat. Der achte in unserem Kalender. Eigentlich werden in diesem Monat Kriege vorbereitet, oder zwischen Weihnachten und Neujahr.
Eigentlich wollte ich diesen Text genauso sorgfältig in diesen Schlafzonen des Jahres schreiben und vorbereiten. Das ist mir nicht gelungen.
Gestern Abend, heute früh … im Zug „Carl-Maria-von-Weber“, klar doch.
Der dumme August von den Auto-Perforations-Artisten grüßt mit Fetzen, Fusseln, Fehlern und verschwindet, wie gekommen, in der Versenkung …

Januar/Februar 2014

©Else Gabriel

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