„Klärung eines Sachverhalts“ reloaded…

Fragen an Else Gabriel über die letzte Künstlergeneration der DDR und die falsche Historisierung der Kunst aus dem Osten
Monopol (Ausgabe Oktober 2017, Interview: Elke Buhr)

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Liebe Frau Gabriel, in den 80er Jahren waren Sie in Dresden Teil der Performance-Gruppe „Auto-Perforations-Artisten“. Wollten Sie die DDR durch DADA stürzen?

„Stürzen“ wollten wir gar nichts. Stützen allerdings noch weniger. Die DDR war für uns, für mich, eine realdadaistische Sozialsatire, ein verzerrter Weltanschauungscomic, aus dem es allerdings schwierig war zu entkommen. Bevor eine Ausreise in den Westen möglich wurde, setzten wir unsere individuelle artistische Unkontrollierbarkeit gegen das verordnete „Primat der Politik über Kunst und Kultur“. Es ging uns um die Freiheit der eigenen Beobachtung, die mit den offiziellen Behauptungen und Zwängen nicht übereinstimmte.

Jetzt sind Sie die jüngste der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen bei der Schau „Hinter der Maske“ über Kunst in der DDR. Können sie sich mit dieser Kategorie überhaupt noch identifizieren?

Ich bin in der DDR sozialisiert, habe meinen Eltern schon mit 12 Jahren erklärt, daß ich ausreisen will. Den zwangskollektivierten Muff und die Mittelmäßigkeit des fröhlichen Neutrums der „entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ fand ich unwürdig. Diese widersprüchliche Prägung konnte und kann ich als Überlebenshilfe in eine künstlerische Qualität übersetzen. 1989 ist eine weltmächtige Ideologie zusammengebrochen. Lebendige Erfahrungen mit einem realen Systemumbruch und den damit verbundenen Entwurzelungen und Wanderungen sind doch heute hoch aktuell?

Seit dem Fall der Mauer sind 28 Jahre vergangen. Was ist nach der Wende passiert – ist die alte Trennung noch irgendwo spürbar? Finden Sie, dass die Künstler aus der DDR in deutschen Museen oder auch auf dem Kunstmarkt unterrepräsentiert sind?

Stellen Sie sich vor: Günther Uecker, z.B. oder Jeff Koons wären mit Arbeiten aus den 1980ern in einer Ausstellung vertreten. Würde man das künstlerisch bewerten oder „nur historisch“? Insbesondere die „inoffizielle“ künstlerische Produktion in der DDR wird meist rein historisch betrachtet. Das hat mit Gewohnheitsrechten zutun. Man bleibt mit der Deutungshoheit gern unter sich. Das ist nicht neu, aber künstlerisch und intellektuell unterkomplex. Lampenbasteln wird durch die Person Olafur Eliasson biennaletauglich, mithin große Kunst, Gepinsel von der Insel Usedom bleibt provinziell. Wer versucht, mit formal künstlerischen Kriterien zu begründen, kommt hier schnell ins Schlingern. Die Kategorisierung ist willkürlich und zeigt:
Erklärte Kolonialismuskritiker agieren kolonialistisch und wir sind zurück im „Primat der Politik über Kunst und Kultur“

Sie lehren heute in Weißensee und haben insofern viel Kontakt zu der jüngsten Künstlergeneration. Ist es noch wichtig, wer wo herkommt?

Es spielt grundsätzlich eine Rolle, wer woher kommt. Das hat etwas damit zutun, Biografien ernst zu nehmen. Aus was, wenn nicht aus der eigenen Erfahrung soll man denn künstlerisch Neues entwickeln? Aus Verordnungen und Themenkatalogen? Vielleicht denen der Professoren? In Weißensee studieren statistisch relevant Menschen, die aus dem östlichen Umland stammen. Deren Biografie ist geprägt von Eltern und Lehrern, die die Systemverwerfungen verkörpern und weitergeben. Bis heute. Die damit verbundene spezifische Sensibilisierung zu leugnen, ist eine Verschwendung künstlerischen Potentials.

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„Der Daumen der Strafe“, else Gabriel, s/w-Foto, 24 x 30 cm, 1986/1999

„Klärung eines Sachverhalts“ reloaded
…und Beobachtungen über den langen Arm der DDR in der heutigen Kunst und Künstlerausbildung

Ist es noch sinnvoll, über deutsch-deutsche Kunst zu reden oder zu schreiben?
Ist es noch sinnvoll, über die Verschiedenheiten west- und ostdeutscher Kunst zu reden, noch immer, auch nach 27 Jahren der Amalgamierung? Wieviel Quecksilber ist noch verbaut in den Zähnen der Leute, die sprechen oder schweigen, ihren Weg machen oder Wut in kreuzgefährlichen Blödsinn übersetzen? Sind wir nicht längst unterwegs in den weltweiten Künsten? Den weltweiten Kulturen?

1. Ich spreche von mir und für mich.

Für die Produktion vor der „Wende“, also vor 1989 scheint der Fall klar. Es handelt sich um ein abgeschlossenes Sammelgebiet, das in einem toten Ast der deutschen Geschichte entstand. Das ist aus westdeutscher Sicht weitgehend Ausgangspunkt der Betrachtung und Bewertung.

Dabei übersieht man, daß viele der handelnden Personen und Künstler noch am Leben und produzieren sind.
Die Situation ist auch insofern geschichtlich einzigartig, weil auf beiden Seiten der gesellschaftssystemteilenden Mauer deutsch gesprochen wurde und wird.
Das stützte und stützt die Illusion, daß man sich zwingend gegenseitig verstünde.
Die DDR, Der Doofe Rest, war einerseits der Wurmfortsatz, Blinddarm des real existierenden sozialistischen Systems, andererseits DIE FRONT. Das Gefühl, in einer Warteschleife der Geschichte zu hocken, mit dem gesamten HURRA, für den Sieg des besseren Gesellschaftssystems zu kämpfen, wich der Inneneinrichtung mit Blickstarre gen Westen. Fernsehen. Radio. Westpäckchen. Intershop. Telefon? Kaum. Es gab wenige.
Auch staatstragend war man ständig irgendwie mit „dem Westen“ beschäftigt. In düstersten Farben malte man den faulenden Imperialismus, die Arbeitslosigkeit, die Drogentoten… bis hin zum Delirium im Kommentar einer 17jährigen Frau, die in der Jungen Welt, dem Zentralorgan der FdJ im Sommer 1989 einer über Ungarn abgehauenen Freundin gründlich die (von ihr nie belastbar überprüfbare) Schrecklichkeit des Kapitalismus mit seinen menschenverachtenden Methoden schilderte und sinngemäß abschloss „selbst wenn sich all deine Träume erfüllen… wovon willst du dann noch träumen? (Berufswunsch der Kommentatorin: Anästhesistin! Schon damals dachte ich instinktiv: „FAKE NEWS! Nun ja, nicht in diesen Worten. Aber es schien mir in den 1980er Jahren manches, was im Neuen Deutschland und der Jungen Welt gedruckt wurde so absurd, daß es sich nur um Kassiber verwegen konspirativ handelnder Journalisten handeln konnte…)

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Wohnung Gabriel, Berlin, Dunckerstraße 78, 1986, Foto: Cornelia Jentzsch

2. Kunst und Künstler…

Unter den Künstlern und Ureinwohnern gibt es heute einige sehr sichtbare… Deren DDR-Herkunft ist verschliffen und künstlerisch bearbeitet, für Menschen mit vergleichbaren Biografien aber sehr präsent spürbar.
Sitzt man mal unertappt an einem westdeutschen Künstlerstammtisch, hört man das eifersüchtige Abwiegeln gegenüber diesen Kollegen überdeutlich.
Das ist in Künstlerkreisen soweit nicht unüblich…
In Los Angeles sollte ich 1992 die Arbeiten einer Studentin begutachten. Wir haben eine ziemlich lange Zeit aneinander vorbeigeredet, bis ich verstand, daß der Begriff Malerei für sie MONOCHROME Malerei bedeutet, sonst nichts!
Daß man sich also in Schulen begreift und abgrenzt gehört zum Geschäft. Inwiefern das nicht viel mehr ist als das Knurren und Zerren am gemeinsamen Fressnapf und wie kunsthistorisch relevant man das findet oder sich einfach nur amüsiert, obliegt der Einschätzung des Beobachters.

Es gibt gegenüber den präsenten eine ungleich größere Anzahl von ostdeutschen Künstlern und Künstlerinnen, die außer in Insiderkreisen quasi unsichtbar sind. Auch diese gibt es natürlich im Westen.

Interessant in der Behandlung der deutsch/deutschen Kunstgeschichte mit Blickrichtung DDR und deren Folgen, ist aber die Verquickung von Politik und Moral mit Kunst. Im Osten herrschte bis 1989, bis zum Mauer„fall“ das im Interview schon zitierte „Primat der Politik über Kunst und Kultur.“

„Jeder Künstler hat Platz in unserer Gesellschaft, dessen Werk dem Frieden, dem Humanismus, der Demokratie, der antiimperialistischen Solidarität und dem Sozialismus verpflichtet ist.
Eindeutig orientiert das Parteiprogramm auf das sozialistisch-realistische Kunstschaffen.“ …hieß es im Bericht des Zetralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den IX. Parteitag der SED, Berichterstatter: Genosse Erich Honecker, 1976

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„Kunst ist Waffe“ nach Friedrich Wolfs 1928 verfasstem Essay war geflügeltes Wort und Parole für jede künstlerische Äußerung…
„Der Glaube an eine neue Ordnung, die kommen wird, dieser Glaube, der heute Millionen Mühseliger und Beladener beseelt, er ist nicht geringer und kleiner als der Jenseitsglaube, der vor zweitausend Jahren die Sklaven und Entrechteten des römischen Imperiums emporgeflammt! Nur daß wir heute die Verwirklichung unseres Glaubens auf dieser Erde wollen, daß wir für die Hungernden nicht mehr Worte wünschen, sondern Brot!
In dieser Zeitenwende sitzt der Dichter nicht mehr in seinem rosenumrankten Dachkämmerlein, in dieser Schicksalsstunde marschiert der Dichter als Trommler neben der Fahne.…“

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„Der Friede muss bewaffnet sein“, Plasteigel, Ansteckpistolen, 12 x 7 cm, else Gabriel, 1987, Foto: Micha Brendel

Mit dieser Durchpolitisierung wurden wir bis zum Erbrechen gequält. In der Schule, der Hochschule, in den Ausstellungen. Belehrung und Bekehrung überall. Vielen Künstlern, auch den „Großfürsten“ in der Nähe des Politbüros und im Verband bildender Künstler schwand im Laufe der Jahre die „Einsicht in die Notwendigkeit“, wie der Begriff „Freiheit“ nach Hegel über Friedrich Engels im „Anti-Dühring“ als Definition ins „linke“ Bewußtsein und von dort in die Diktatur des Proletariats der DDR fand…
Formal blieb im Grunde zumindest offiziell alles im „sozialistischen Realismus“. Viele Künstler flüchteten sich aber zunehmend mit einer Rolle ganz weit rückwärts in mythische Anspielungen – kaum aus der christlichen Bildwelt, sondern eher der der Griechen. „Kassandra“, von Christa Wolf in der Literatur z.B., aber auch in der bildenden Kunst… Ikarus – natürlich naheliegend! Prometheus! Aber auch Sisyphos! Hier konnte man zweifelnde Botschaften unterbringen und jeder verstand das aufgrund der überall gleichen Schulbildungsinhalte sofort.
Als Auto-Perforations-Artisten spielten wir hingegen tatsächlich eher mit DADA und der Auflösung von kompakten Inhalten und verdrehten und übersetzten solange, bis der Prozess eine assoziative Eigendynamik entwickelte, das Kunstwerk/die Performance sich quasi selbst schuf. Es war die reine Energie und ein Katz- und Mausspiel mit der Obrigkeit. Diese verstand erst recht nur Bahnhof und reagierte überfordert. Aber Willkür war ja in der DDR grundsätzlich als Mittel der Einschüchterung äußerst effizient. Wenn man nicht wusste, ob man sich als nächstes zur „Klärung eines Sachverhalts“ einbestellt oder „zugeführt“ hinter Gittern wieder findet oder innerhalb von 24 Stunden das Land gen Westen zu verlassen hatte, agierte man je nach Charakter das Gespräch und Verständigung suchend oder erst recht vogelfrei. Erstere übernahmen mehr oder weniger die formalen Vorgaben und setzten der ständigen Verunsicherung den Freiraum symbolisch/mythischer Übersetzung entgegen.
Wir gehörten eher zu letzteren und drehten die DDR-Mühlen eher methodisch, also unsererseits vermeintlich „willkürlich“ und nicht monokausal nachvollziehbar agierend im Kreis.
„Man hätte dieses System erstmal an Ratten testen sollen…“
und…
„Der Letzte macht das Licht aus…“

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„Elke“, der 80er-„Twin“ von else, Foto: Micha Brendel, 1988

3. Nach 1989…

ergab sich folgendes Problem: Es gab die ostdeutschen Künstler, die mit der DDR sowieso schon vorher abgeschlossen hatten und schnell die Freiheiten für ihre Arbeiten nutzten. Es gab die Funktionärskünstler, die sich schon lange nicht mehr als solche begriffen, aber nun plötzlich mit einem enormen Imageverlust zunächst in die Bedeutungslosigkeit rutschten. Und es gab die, die sich so halbwegs eingerichtet hatten und nun ohne die Sicherheitssysteme vollends im Regen standen. Es gibt noch viele Facetten dazwischen. Das liegt in der Natur künstlerischer Biografien…

Was es aber vor allem gab und heute virulenter gibt denn je, ist eine Sinnkrise der Nach-Avantgarde in der künstlerischen Produktion im Westen! Die unglaubliche Geldmaschine im Hochpreissektor verzerrt ja vollständig das Herumkrebsen der übergroßen Mehrheit der Künstler! Und auf der anderen Seite betreibt eine wachsende Heerschar von Antragskünstlern, -künstlerinnen, -künstlerinnenkollektiven politische Bildung mit Kirchentagsoptik und sektenhaft durchglühtem Sendungsbewußtsein, Armenspeisung inklusive.

4. Heute…

Wolfgang Ullrich hat in einem Essay (Fußnote!) eine mögliche Kunstspaltung diagnostiziert, die dazu führen könnte, daß der Luxussektor private Schulen zur Ausbildung des Künstlernachwuchses eröffnet mit eigener Spezialisierung auf die Wünsche der schwerreichen Sammlerklientel, während die staatlichen Kunsthochschulen deutlich stärker als bisher die politisch/aktivistische Richtung vertreten und fördern könnten.
Abgesehen davon, daß mir schon bei dem Gedanken zweier solcher von einander separierter Künste das Blut in den Adern gefriert…
spinne ich diesen Gedanken fort, entdecke ich an der weißensee kunsthochschule berlin alle Anzeichen für genau so eine Ausrichtung auf politisch/moralische/soziale, Migrations- und Genderfragen. (Als Teilmenge und Tendenz gibt es das an vielen Kunsthochschulen.)
Man definiert das als NEU DENKEN und erklärt jede Laberrunde zur Kunst. Das heißt dann „Diskurs“ und „Plattform“ oder „Lab“. Man verortet sich als politisch LINKS, geflissentlich zu genaue Nachfragen vermeidend, was die einzelnen Protagonisten tatsächlich darunter verstehen, um die Gruppenidentität nicht zu gefährden. Hier herrscht noch immer Konsens, daß eine Umorganisation der Gesellschaft, die Schaffung eines neuen Bewußtseins durch (Bild-)Sprache „machbar“, „erziehbar“ ist und zu einer gerechteren und gleichberechtigteren Welt führe. Etliche (durchaus marktgängige und/oder „curators darling“) Künstler betreiben Regenbogen-washing, mittels dessen sie ihre oder die von ihnen angeleiteten Erzeugnisse zur Speerspitze einer moralisch unangreifbaren und mit künstlerischen Kriterien kaum bewertbaren Instanz ausbauen.

Kind als Pinsel (Kooperatorka)
„Kind als Pinsel (Kooperatorka)“, 2007, Super-8-/Fotoperformance, basierend auf „Die Erziehung der Hirse“, Bert Brecht, vertont von Paul Dessau, 1953, else (Twin) Gabriel, Foto: Wiebke Loeper

5. Was hat das mit der Beurteilung der Kunst in der DDR zutun?

Dieser Entwicklung zugrunde liegt ein Fortschrittsgedanke und Weltverbesserungsanspruch, den ich aus der DDR nur zu gut kenne als das „Primat der Politik über Kunst und Kultur“. Den damit eng verbundenen Erziehungs- und Umerziehungsimpuls gab es in allen Diktaturen. Bei den Nazis natürlich, in China am deutlichsten zu Zeiten der Kulturrevolution, in der DDR als von der Sowjetunion übernommene Erziehung zum „Neuen Menschen“, später zur „entwickelten sozialistischen Perönlichkeit“. Gemeinsam ist diesen Modellen…

1. Sie zielen immer auf die Jugend. Jungen Leuten kann man selbstredend besser verkaufen, mit dem jeweiligen Modell Teil von etwas „Großem“ zu sein, von etwas ganz „Neuem“ und der Schaffung einer phantastischen Zukunft zu dienen.
2. Man findet seine Klientel immer am besten bei den Entwurzelten und Unterprivilegierten! An Kunsthochschulen zusätzlich vorzugsweise unter denen, die künstlerisch – sagen wir es vorsichtig – eher durchschnittlich begabt sind. Diese finden unter einer gemeinsamen Idee Halt und Inhalt.
3. Die Entwurzelung und Bindungsfreiheit, früher häufig von Familie – an Kunsthochschulen heute gern auch durch Diskussionen um die Auflösung der Notwendigkeit, sich als „Mann“ oder „Frau“ zu definieren – wird als besondere Qualität beschrieben, die es ermöglicht, besser in der neuen Aufgabe aufzugehen.
4. Auf die Kunst bezogen: Das Niveau sinkt unmittelbar! Sofern überhaupt Bilder produziert werden (dürfen), müssen die einerseits zu den ideologisch aufgeladenen Inhalten passen und zweitens innerhalb der Gruppe mehrheitsfähig sein. Was aus der Einverständlichkeit ausschert, wird entweder gekappt und vereinnahmt oder beseitigt.
5. Die Hauptprofiteure solcher Erziehungs- und Weltverbesserungsformate sind immer die, die sie anzetteln! An Kunsthochschulen: Professoren und solche, die es werden wollen.
6. Die Modelle von Erziehung und Umerziehung: Sie funktionieren nicht! Auch wenn es unter geschlossenen Bedingungen und Subsoziotopen so aussehen mag… in der DDR oder jetzt an Universitäten und Kunsthochschulen…Verlässt man den Konsensraum, kann man mit dem, was man dort gelernt hat nichts mehr anfangen! Und das grimmige Heilsversprechen, wenn man es nur lange und entschieden genug in die Leute hineindresche, würde das Einverständnis bis in den kleinsten Erdenwinkel ausgedehnt, ist schon als Gedanke ein tugendterroristischer Anschlag auf die (künstlerische) Freiheit!

Die DDR-Kunst kommt in diesen Kreisen vor allem in ihren weltanschaulich verwertbaren Erzeugnissen vor – in sozialistisch realistischen Wandfresken und -friesen mit Fliesen. Oder man erklärt allen (und den Ostdeutschen gleich mit) den wahren Charakter von Subbotniks, den „freiwilligen“ Arbeitseinsätzen am Wochenende. All das wird behandelt als Materiallager und vorzugsweise von westdeutsch sozialisierten Künstlern und Künstlerinnen als Grundlage genommen, um Kapitalismuskritik zu üben.
Man findet hier ein bemerkenwertes Revival der Schauseite der offiziellen DDR, jetzt in westdeutscher Interpretation.
Es sind kolonialistische Methoden, mit denen man sich in einem Revier bedient, das als Sonderzone mit natürlich noch immer sehr eigenen Regeln und Befindlichkeiten nicht wahrzunehmen man für einen besonderen Ausdruck zugewandter Gleichberechtigung verkauft und dabei ohne Rücksicht auf die Ureinwohner ausbeutet und neu zusammenstrickt, was ins Weltbild passt.

Von den unabhängigen und widerständigen Künsten und Aktionen in der DDR und deren Methoden findet sich hier?… NICHTS!
Warum? Man kann es nicht gebrauchen! Da man Kunst wieder als direkte Bebilderung einer politischen Botschaft begreift, passen die ausdrücklich apolitischen (was man im Politbüro und im Verband bildender Künstler allerdings ganz anders sah!) Statements von damals nicht ins Programm! Außerdem waren die DDR-Bürger ja einfach nur zu doof, den schönen Sozialismus richtig umzusetzen! Und so fangen westlinke Salonutopistinnen und -utopisten wieder an zu belehren und zu bekehren…

Regenwurm 3, 1987
„Wurm“, else Gabriel, 1985, s/w Fotografie, Format variabel

6. Fazit

Wenn ich sage, daß es natürlich immer noch und sowieso grundsätzlich eine große Rolle spielt, wer, wo und von wem, vor welchem spezifischen historischen Hintergrund sozialisiert wurde, hat das nichts mit „Rückwärtsgewandtheit“ zutun. Auch nichts damit, die (z.B. ostdeutschen) Nachwuchskünstler zur Vergangenheitsbewältigung zu verdonnern. Es geht um eine besondere Sensibilisierung und „street credibility“, die diese Leute von Hause aus mitbringen, die in ihrer Spezifik viel zu wenig wahrgenommen und als Qualität nicht gefördert wird! Wenn man diese aber ignoriert, kommt man der Wut und der speziell ostdeutschen Ausprägung von Fremdenfeindlichkeit, Pegida, etc. nicht bei und verbleibt weiter in der symbolpolitischen Verwaltung von Verantwortungslosigkeit. Rechtschaffenheitsinseln und Satellitencampusse dienen jedenfalls trotz aller anderslautender Programme der Abschottung und Selbstbestätigung mehr als einer echten Öffnung.
Kunst soll die Welt nicht retten, kann aber helfen, sie zu sehen, wie sie ist. Aus ganz individuellen künstlerischen Perspektiven, vor dem Hintergrund ganz individueller Prägung. So könnte eine überfällige ernsthafte und tatsächlich offene Diskussion entstehen.
Dafür bräuchte es unter Künstlern, Professoren und Kunstverwertern dringend einen gewaltigen Prozess des Innehaltens, tatsächlichen Hinsehens und Zuhörens, des Nach- und Umdenkens.
Von all dem sehe ich… NICHTS!

to be continued…

©else(Twin) Gabriel, 09/2017

david fischer 2013
© David Fischer, 2013

Anlass des Interviews: Hinter der Maske
Künstler in der DDR
29. Oktober 2017 bis 4. Februar 2018
Museum Barberini, Potsdam

Fußnote:
https://www.perlentaucher.de/essay/wolfgang-ullrich-ueber-kuratoren-und-kunstmarktkunst.html

Beitragsbild: „Menetekel“, Ausstellung und Performances, Brendel, Gabriel, Lewandowsky, Galerie Nord, 1989, Foto: Micha Brendel
http://www.slub-dresden.de/ueber-uns/buchmuseum/ausstellungen-fuehrungen/archiv-der-ausstellungen/ausstellungen-2009/zwischen-aufbruch-und-agonie/rauminstallation-menetekel/
Beim Lesen dieser Schilderung bitte ich zu beachten, daß wir es als Auto-Perforations-Artisten zu keinem Zeitpunkt auf eine Schließung der Ausstellung abgesehen hatten! Und auch die Schilderung der Abläufe rings um die Schließung entspricht nicht den Tatsachen. Das gehört aber in einen „Sonderbeitrag“.

und noch ein paar andere Leseempfehlungen…
http://de.encyclopaedia.wikia.com/wiki/Erziehungsdiktatur_(Leninismus)
http://www.gesellschaft-zeitgeschichte.de/geschichte/erziehungsdiktatur/
https://www.freitag.de/autoren/karsten-krampitz/andere-wende
http://www.deutschlandfunkkultur.de/lehrer-wie-die-ddr-in-der-schule-nachwirkt.1005.de.html?dram:article_id=311492

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